Archiv | Leben in Deutschland RSS feed for this section

Xu Pei: Lesung in Tübingen am 7. November 2013

9 Nov

 

Vielen Dank für die Einladung der Tibet Jugend der Tibet Initiative Deutschland.

Dies ist die zweite Veranstaltung mit der Tibet Jugend, die ich mit meinen Erfahrungen und Erkenntnissen unterstützen möchte.

In dem ersten Vortrag „Der Konflikt in Tibet und seine Ursachen“ in Karlsruhe

wurde verdeutlicht, dass der Konflikt in Tibet kein ethnischer, sondern ein ideologischer Konflikt auf  internationaler Ebene ist, und zwar ein Konflikt zwischen freiheitlichen Demokratien und kommunistischen Diktaturen.

Diese Erkenntnis habe ich nicht nur durch meine persönliche Erfahrung mit der VR China, sondern auch durch meine intensive Auseinandersetzung in der freiheitlichen Welt gewonnen.  Die neueste Buchveröffentlichung „Der weite Weg des Mädchens Hong“ hat meinen Erkenntnisweg anhand zweier Liebesgeschichten in Rotchina und Westeuropa beschrieben, die in einer Binnen- und einer Rahmengeschichte erzählt werden.

Heute möchte ich zuerst drei Partien aus dem Roman vorlesen, die mit Tibet zu tun haben. Dann möchte ich die Frage „Was bedeutet mir Tibet?“ beantworten, um unter anderem zu verdeutlichen, dass der Roman keine Autobiografie ist, auch wenn mein Leben und Werk  eng miteinander verbunden sind.

 

Was bedeutet mir Tibet?

 

Diese Frage lässt sich aus biographischer, buddhistischer und sozialpolitischer Perspektive beantworten.

 

1. Tibet als Geburtsort

 

Mitten in Maos Terror wurde ich in Dardo, auf Chinesisch Kangding, geboren, weil meine Eltern vom KP-Regime nach Osttibet geschickt worden waren. Sie mussten als Kader von 1955 bis 1974 in Osttibet arbeiten. 1968 wurde ich als zweijähriges Kind nach Chengdu, in die Hauptstadt der Provinz Sichuan gebracht, damit ich bei einer Tante in besserem Klima aufwachsen konnte.  Denn um diese Zeit wurde mein Vater zur Zielscheibe von Maos Klassenkampfes. Nicht nur er, sondern auch mein drittälterer Bruder wurde von den maoistischen Rebellen so verprügelt, dass beide lebenslange Schäden davon trugen. Mein Vater verlor das Gehör eines Ohrs und eine  Augenverletzung beeinträchtigte die Sehkraft dieses Bruders, sodass er später nicht in die Armee eintreten konnte, wie mein Vater und ein anderer Bruder.

Ethnisch gesehen gehören wir zu Han, dem größten Volk in China. Mein ältester Bruder (1957-) musste sich nach dem Schulabschluss Maos Zwangslandverschickung unterwerfen und in einem tibetischen Dorf leben, bis er 1977 nach Maos Tod (1976) an der ersten Aufnahmeprüfung zum Studium teilnehmen durfte.

Auf diese Weise sind die ersten 10 Jahre meines Lebens mit Tibet und seinen Bewohnern verbunden. In Dardo leben nicht nur Tibeter und Han, sondern auch Menschen anderer Völker, einschließlich Muslime. Ich hatte Spielfreunde, deren Vater Han und deren Mutter Tibeterin waren. Es gab auch eine tibetische Bürgermeisterin, die mich als Schönheit beeindruckte und später ermordet wurde.

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, dann muss ich an das Essen, die Landschaft und die Menschen in Tibet denken.

 

2. Buddhistische Weltanschauung

 

Meine Kindheit (1966-1976) wurde von Maos Terror überschattet, ohne dass ich ahnte, worum es ging. Als Reaktion darauf wünschte ich mir vor lauter Langweile zu sterben, als ich mit acht Jahren wieder bei meinen Eltern lebte. Als ich meiner Mutter sagte, dass ich lieber sterben möchte, meinte sie, dass mein Tod noch weniger Sinn macht als das langweilige Leben. Außerdem hänge das Leben vom Himmel ab…

Erst nach Maos Tod wurde das Leben in Rotchina bunter. So lebten Gläubige und Glaubensstätten verschiedener Schulen wieder auf. Soweit ich weiß, gibt es in Dardo mindestens eine Kirche, eine Moschee und sechs buddhistische Klöster verschiedener Schule.

Die Leitgedanken des KP-Regimes in China sind Marxismus und Leninismus wie in anderen kommunistischen Staaten auch. Die Einwohner werden von Kindheit an systematisch zum Atheismus und Materialismus indoktriniert. Ich bin möglicherweise eine der Wenigen, die sich nicht umerziehen lassen, denn mich haben etliche Menschen und Phänomene fasziniert, die trotz der KP-Unterdrückung und -Verfolgung  in China vorhanden und bekannt sind.

Beispielsweise wurde ein Buddhist namens Haideng (1902-1989) zuerst im Volk bewundert,  dann vom Regime vereinnahmt.  Denn er gehörte zu den Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten. Eine Kostprobe, Kopfstand auf einem Finger:

Unter den Menschen, die mich nicht nur beeindruckt, sondern auch weitergebracht haben, erwähne ich Haideng aus zwei Gründen. Erstens, er hatte von einem Mönch der tibetischen Schule gelernt. Zweitens, ich habe im Internet einen Propagandafilm „Shao Lin Haideng Meister“ der KP Chinas aus dem Jahr 1984 gefunden, in dem der zehnte Penchan Lama (1938-1989 ) und der Kungfu-Star Jet Li vorkamen. Die Penchan Lamas gehören wie die Dalai Lamas zu den Linienhaltern der buddhistischen Orden in Tibet, die weltliche Macht besaßen. Jet Li wurde schon als Achtjähriger zum Kungfu-Kämpfer  gedrillt und  ist nicht in der Lage, das KP-Regime von dem Land, der chinesischen Kultur und den Menschen zu unterscheiden. Als Filmstar kämpft er weiter auf der internationalen Ebene für die KP Chinas und hatte nach eigener Aussage den Dalai Lama dazu gebracht, die Olympischen Spiele Peking zu unterstützen.

Der vierzehnte Dalai Lama ist wohl der bekannteste Buddhist, aber es gibt neben ihm noch viele Linienhalter, deren Linien noch länger und reiner sind, denn die Linie des Dalai Lama wird schnell mit den weltlichen Dingen vermischt. Ein Buddhist ist eigentlich jemand, der sich von den weltlichen Dingen abgewandt hat, aber es gab Dalai Lamas, die sogar die weltliche Macht ergriffen. Darum hat es um die Dalai Lamas immer wieder Morde gegeben. Andere Linienhalter sind nicht berühmt und mächtig, dafür aber besitzen sie übersinnliche Fähigkeiten. Sie sind in der Lage,  Kranke zu heilen, wie z. B. der Meister von Falun Gong, während der jetzige Dalai Lama sich wegen einer Krankheit noch operieren lassen musste.

 

3. Ruf der Tibeter nach Menschenrechten

 

Meiner Erfahrung nach werden die Tibeter genau wie die Menschen anderer Völker vom KP-Regime dazu gezwungen, auf ihren eigenen Willen zu verzichten. Beispielsweise werden sie zur Sterilisation und Abtreibung gezwungen.  So lange sie die KP-Ideologie akzeptieren und der KP-Führung folgen, können sie vom jetzigen System profitieren und auch viel Geld verdienen, egal zu welchem Volk sie gehören, wie z.B. der Holocaust-Überlebende Kissinger.

Die Menschenrechte werden in jedem Land unter der KP-Führung verletzt, das ist systemimmanent. Deshalb gibt die VR China viel Geld aus, um dieses systematische Verbrechen mit Hilfe westlicher Prominenter wie Kissinger zu vertuschen.

2008, als ich den Ruf aus China „Wir wollen keine Olympischen Spiele, wir wollen Menschenrechte“ unterstützte, sagte Kissinger, dass Busch die Olympischen Spiele in Peking nicht boykottieren solle und er mit seinen Enkeln nach Peking fliegen würde, um die  Olympischen Spiele zu besuchen.

Vielleicht hat Kissinger als US-Graueminenz, der  die Menschenrechte in der VR China missachtet, auch indirekt Einfluss auf den Dalai Lama. Jedenfalls hat der Dalai Lama den olympischen Geist ignoriert und die Propagandaschau der KP Chinas unterstützt, obwohl mein offener Brief an ihn gegen den Missbrauch des olympischen Gedankens von vielen Chinesen unterschrieben wurde.

Deshalb habe ich mich dafür entschieden, auch die Tibeter öffentlich zu unterstützen, die nach Menschenrechten schreien, indem sie unter anderem sich selbst verbrennen.

Die ununterbrochenen Selbstverbrennungen und die Reaktion der KP Chinas darauf haben gezeigt, dass der Mittlere Weg des Dalai Lamas gescheitert ist.

Auch ein Jahr unter dem neuen KP-Generalsekretär Xi Jinping  hält die Verfolgung in Tibet an und der Dalai Lama wird weiter als Separatist verleumdet, um den Nationalismus zu beschwören.

Laut der Pressemitteilung der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) vom 4. November wurden „allein im Oktober 2013 drei tibetische politische Gefangene zu insgesamt 19 Jahren Haft verurteilt und mindestens 47 Tibeter aus politischen Gründen festgenommen. Sieben von ihnen drohen langjährige Gefängnisstrafen. Außerdem hat der Chef der Kommunistischen Partei Tibets, Chen Quanguo, in der von der Zentralen Parteischule veröffentlichten Zeitschrift ‚Qiushi‘ am vergangenen Wochenende zu einer Verstärkung des Kampfes gegen den Dalai Lama aufgerufen.

China müsse alles tun, um zu verhindern, dass die ‚reaktionäre Propaganda‘ der Separatisten aus dem Ausland nach Tibet gelangt, forderte der Parteichef. China werde daher alle illegalen Satelliten-Empfangsgeräte beschlagnahmen, die Überwachung des Internets verstärken und dafür sorgen, dass alle Telefon- und Internetnutzer sich unter ihrem wahren Namen registrieren lassen müssen. Auch rief der KP-Chef dazu auf, keine Bilder des Dalai Lama in Tibet kursieren zu lassen“.

Gleichzeitig ist in den von der KP gelenkten und korrumpierten Medien von Erfolgen bei der Entwicklung Tibets die Rede.  Um die Welt zu desinformieren,  setzt das KP-Regime auch in Deutschland  alle möglichen Propagandamaßnahmen ein, wie z.B. die „Tibet-Kulturwoche in Deutschland“, die im Oktober in Berlin und München stattfand.

Deshalb soll der Dalai Lama aufhören, sich und die Welt zu betäuben, indem er weiter von einer Lösung mit der KP Chinas träumt. Die Geschichte hat gezeigt, dass die KP Chinas keinen Dialog, sondern nur Gewalt kennt.

Die Exiltibeter und Tibetfreunde sollen die tibetischen Kommunisten dazu bringen, sich an der Austrittswelle zu beteiligen, wie mehr als 150 Millionen Chinesen es getan haben, um sich geistig von der KP Chinas zu befreien und damit eine friedliche Revolution herbeizuführen, wie in Osteuropa.

 

Xu Pei: Zum 20. Jahrestag meiner Ankunft im Westen

22 Jan

Am 17. Dezember  1988 bin ich mit einem DDR-Flugzeug in Ostberlin gelandet.

Zwanzig Jahre später bin ich nicht nur als Exildichterin in Köln hängengeblieben, sondern auch noch dazu gezwungen, mich gegen den Einfluss der Kommunistischen Partei Chinas in Deutschland zu wehren.

Dennoch geht es mir wunderbar und ich bin dankbar, dass ich mich zwischen der westlichen und östlichen Kultur, zwischen Atheisten und Theisten,  zwischen Schaumschlägern und Geistesgrößen, zwischen Sand und Gold bewegen kann, wie eine Biene.

Jeden Tag bin ich beschäftigt, das Gute zu sammeln und zu verbreiten.

Zum 20. Jahrestag meiner Ankunft in Deutschland habe ich auf Deutsch Wolf Biermanns CD „Hänschen -klein ging allein“ gehört und auf Chinesisch  die Danksagung der Ehefrau von Hu Jia, dem diesjährigen Sacharowpreisträger  gelesen.

Bedauerlicherweise bin ich weder in der Lage, wie Wolf die Erfahrung und Erkenntnis laut kundzutun, noch habe ich die Zeit,  die mich zu Tränen rührende Rede von Zeng Jinyan zu übersetzen. Zeng lebt jetzt in Peking unter Hausarrest, während ihr Mann im Gefängnis leidet.

Aber gerne möchte ich mit den Lesern die folgenden Passagen teilen, die  ich unterschreiben kann:

„In China hat es immer eine Reihe von gewissenhaften Menschen gegeben, die unermüdlich nach unparteiischer Justiz, sozialer Gerechtigkeit streben, egal wie schlecht die politische Lage ist. “

„Das Wichtigste,  was Hu Jia getan hat, der deswegen seine Freiheit verliert, ist vielleicht, dass er immer rechtzeitig und laut die Wahrheit gesagt hat, die er erfuhr.

Im Reich der Lügen, rechtzeitig und laut die Wahrheit zu sagen verlangt großen Mut. Man muss unvorstellbaren Druck ertragen und sogar einen hohen Preis bezahlen.“

Dank Hu Jia und Seinesgleichen hat sich die Situation in China verbessert. Aber die Propagandisten der KP Chinas in Deutschland  buchen die Erfolge auf das Konto der KP Chinas, obwohl sogar ich mittlerweile erkannt habe, dass die KP die Wurzel aller Übel in der VR China ist, wie die einstige SED es in der DDR war.

Wie dem auch sei, ich wünsche, dass die Leser auch über die käuflichen Fachkräfte, „Partei der Fünf Mao“ genannt,  informiert sind, die nichts anderes in Deutschland tun, als die KP Chinas zu rühmen und Regimegegner zu diffamieren.

In diesem Sinne wünsche ich allen eine besinnliche Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Köln, 17. 12. 2008 geschrieben

Köln, 22.01.2012 aktualisiert