Archive | Mai, 2014

XU Pei: Was haben die Uiguren mit Deutschland zu tun?

23 Mai

Durch die Süddeutsche Zeitung ist zu erfahren, dass münchener Uiguren seit Anfang Dezember 2013 einen Autoanhänger zum Kampf für die Menschenrechte vor das Konsulat der VR China eingesetzt haben. Betont wird, „Weil der Anhänger ständig umgeparkt wird, kann das Konsulat den Aktivisten nichts anhaben. Das Parken an sich ist nicht strafbar“.  Leider verschleiern Sätze wie z. B. „Dort geraten Uiguren und Chinesen immer wieder aneinander“ unbewusst die kommunistischen Verbrechen in der Heimat der münchener Menschenrechtler und den gewaltigen Widerstand mit Todesopfern. Aber mit ihrer Feststellung, „Der Streit zwischen Uiguren und Chinesen, er wird auch in Nymphenburg ausgetragen“, hat die Verfasserin wenigstens die Tatsache gezeigt, dass der Freiheitskrieg gegen die Machthaber in Peking auch in Deutschland geführt wird. Mit diesem Vortrag möchte ich Ihnen erklären warum.

 

1. Meine Motivation zur Aufklärung über die VR China, wo ich insgesamt 23 Jahre gelebt habe

Seit den weltweiten Demonstrationen gegen die roten Einparteien-Diktaturen 1989 unterstütze ich den Freiheitskamp aller Völker. Unter den Studentenführern auf dem Tiananmen-Platz in Peking tat sich auch ein Uigure hervor. 2008  bezog ich erstmals Stellung zu dem so genannten Minderheiten-Problem in Rotchina, und zwar auf der Amnesty International-Kundgebung „Gold für die Menschenrechte“ in Köln am Eröffnungstag der Olympischen Spiele in Peking. Ich war gegen den Missbrauch der Spiele durch das KP-Regime,  und meine Rede „Über die Minderheit in China“ ist immer noch aktuell. Sie kann im Internet nachgelesen werden, in dem ich seit meinem letzten Heimkehrversuch 2002 der systematischen Desinformation durch die KP Chinas entgegenwirke.

https://konfuziusinstituteundliuxiaobo.wordpress.com/2013/08/08/xu-pei-zum-funften-jahrestag-der-olympischen-spiele-2008/

Leider gewinnt das KP-Regime durch seine Wirtschaftsmacht und  seine Auslandspropaganda-Zentren wie z.B. die sogenannten  „Konfuzius-Institute“ weltweit immer größeren Einfluss. Deshalb möchte ich mein Bestes tun, um die demokratisch gesinnten Bürger vor der Unterwanderung aus Peking zu warnen, zumal zahlreiche China-Experten, -Korrespondenten, Politiker und Berufsdissidenten wie z.B. der Friedensnobelpreisträger 2010 die rote Propaganda verbreiten. Auch die Deutsche Presse Agentur plappert die KP-Verleumdungen gegen die Verfolgten immer wieder nach.

Nach der Eskalation in Xinjiang 2009 zitierte die Propagandamaschinerie der KP Chinas sogar einen einst von ihr ausgewiesenen Chinakorrespondenten, weil er angeblich die „chinesische  Offenheit“ lobte. Dabei wurde in Wirklichkeit die gesamte Kommunikation in Xinjiang 10 Monate lang blockiert. Die Lügen und die Verschleierungen konnte ich nicht unwidersprochen lassen, so wurde ich zwangsläufig zur Spezialistin für die von der KP Chinas aufgestellten Tabus, schließlich kann ich dank der Freiheit in Deutschland in Ruhe nach der Wahrheit suchen.

Ich lerne auch immer mehr unabhängige Bürger aus der Republik China, verfolgte Demokraten aus Rotchina, Falun Gong Praktizierende, Tibeter und Uiguren kennen. Die Freigeister dieser fünf Gruppen verkörpern die Haupttabus, die das KP-Regime als „Fünf Gifte“ verleumdet und auch im deutschsprachigen Raum verfolgt.

Mein heutiges Thema betrifft eine hundertjährige Weltgeschichte und einen Komplex aus verschiedenen Konflikten. Anhand von Beispielen möchte ich meine Erkenntnisse darlegen, um mich mit Ihnen darüber  auszutauschen.

 

2. Einflussnahme der Kolonialmächte in Asien

Xinjiang bedeutet auf Chinesisch „Neues Grenzgebiet“ und wird seit der letzten Kaiserdynastie (1644-1911) als Ortsbezeichnung benutzt. In Deutschland erfuhr ich, dass Xinjiang auch Ostturkistan genannt wird. Turkistan bedeutet Land der Turkvölker, umfasst außer Xinjiang noch Usbekistan und fünf weitere ehemalige Sowjetrepubliken in Zentralasien, die wie die Türkei, hauptsächlich von Turkvölkern bewohnt werden.

Die letzte Kaiserdynastie in Fernost wurde von den Mandschuren mit Waffengewalt gegründet. Eine Karte der Qing-Dynastie im Jahr 1860 befindet sich unter den Bildern, die den heutigen Vortrag illustrieren. Die Qing-Dynastie war größer als Europa und lockte Ausländer an. Die Europäer, insbesondere die Engländer konnten dort viel Tee und Porzellan einkaufen, aber wenig oder gar keine Gabeln und Löffel verkaufen. Aus Profitsucht kamen manche skrupellosen Briten auf den Schmuggel von Opium. Durch den Opiumkrieg (1840) zwangen die britischen Kriegsschiffe die Qing-Herrscher in die Knie und verteilten deren Machtbereich wie einen Kuchen unter den Kolonialmächten.

Dabei spielte Deutschland eine große Rolle. Aus Zeitgründen nenne ich nur einige Beispiele. 1898 wurde das deutsche Kaiserreich die erste Kolonialmacht, an die die Qing-Herrschaft einen Hafen zwangsverpachtete. Der Begriff „Seidenstraße“ wurde von Ferdinand von Richthofen (1833-1905) geschaffen, der schon bevor aus dem preußischen König ein deutscher Kaiser wurde, damit begonnen hatte, die meisten Gebiete der Qing-Dynastie für die westliche Wissenschaft und die deutsche Wirtschaft zu erschließen. Auch Kohlevorkommen wurden von ihm erfasst. Er setzte sich für eine Ausweitung der deutschen Kolonialmacht in der Fremde ein. Sein schwedischer Student Sven Hedin (1865-1952) leitete im Auftrag der Lufthansa von 1927 bis 1935 eine Expedition in Xinjiang und der Mongolei.

Durch die Kanonenbootpolitik verlor die mandschurische Monarchie schließlich ihre Autorität. 1911 wurde nach gewaltigen Aufständen die Republik China  ausgerufen.  Im Abdankungsschreiben des letzten Kaiserhauses werden die Siedlungsgebiete der fünf großen Volksgruppen „Mandschuren, Han, Mongolen, Hui und Tibeter“ als Territorium der großen Republik China bezeichnet. Die Uiguren wurden zu den muslimisch geprägten Bewohnern des Nordwestens, den „Hui“ gezählt. Dort befinden sich die Tausend-Buddha-Höhlen, die belegen, dass die Turkvölker bis zur Zwangsislamisierung Buddhisten waren. Die Ausbeute deutscher Kolonialisten aus diesen Höhlen liegt heute noch im Museum für Asiatische Kunst in Berlin. Erst durch die Kolonialmächte entstand der Begriff „Chinesen“ als Ausdruck des Nationalbewusstseins bei der Gründung der Republik China.

Die westlich orientierten Demokraten unter der Führung von Sun Yatsen (1866-1925 ) wählten 1913 die seit der Han-Dynastie ( 202 v. Chr. – 220 n. Chr) bestehende Amtssprache zur Staatssprache auf dem genannten Territorium. Sie strebten nach der Realisierung eines Grundgesetzes an, das die „Drei Prinzipien des Volkes“ von Sun Yatsen garantieren soll, nämlich Nationale Unabhängigkeit, Demokratie und Volkswohl. Diese Prinzipien  wollten sie in dem ganzen Territorium durchsetzen. Deshalb wurde die Republik China von Monarchisten, Separatisten, Imperialisten und Kommunisten bekämpft.

Mit Unterstützung des Balten-Deutschen Baron Roman von Ungern-Sternberg (1886-1921) wurde in der Äußeren Mongolei eine Monarchie ausgerufen. Ungern-Sternberg machte alle Juden für die kommunistischen Verbrechen im Zarenreich verantwortlich, so dass unschuldige Juden sogar aus den Zügen gezerrt und erschossen wurden, bis die Rote Armee in die Äußere Mongolei einmarschierte. Die Ablehnung des Marxismus-Leninismus machte auch Sven Hedin zum Hitler-Verehrer. Laut Wikipedia behauptete er, Juden seien für die Annahme des Versailler Vertrages, der Unglück über Deutschland gebracht habe, wie auch durch ihren Einfluss in Presse oder Kunst für den Verfall von Kultur und Sitten in Deutschland verantwortlich. Beide begingen den Fehler, die Menschen nur nach ihrer Herkunft bzw. Zugehörigkeit zu beurteilen. Dieser Vortrag soll hingegen dazu beitragen, dass Menschen nach ihren eigenen Worten und Taten beurteilt werden.

 

3. Ein Uigure, der in Berlin Kommunist wurde

Der Erste Weltkrieg und der deutsche Kaiser Wilhelm II (1859-1941)  verhalfen Lenin (1870-1924) dazu, mit dem Kommunismus als geistige Waffe die erste KP-Diktatur auf der Welt zu installieren. Nach seiner Machtergreifung gründete Lenin 1919 die Kommunistische Internationale (Komintern), um das kommunistische Feuer in alle Länder zu tragen. Mit Unterstützung aus Moskau wurden sowohl in Europa, als auch in Asien Sowjetrepubliken gewaltsam gegründet.  Ohne Unterstützung der Komintern hätte auch Mao nicht während der japanischen Invasion im Zweiten Weltkrieg seine Sowjetrepublik als Basis gebrauchen können, um die Republik China insgeheim zu unterwandern, so dass er nach der Kapitulation von Japan die Republikaner auf die Insel Taiwan vertreiben konnte.

Seit 1919 existieren Handlanger der Kommunistischen Parteien, die falsche Identitäten annehmen, um andere Menschen zu vereinnahmen und andere Länder zu unterwandern. Die roten Agenten wie z.B. Richard Sorge (1895-1944) und Agnes Smedley (1892-1950) schlichen sich im Auftrag von Moskau aus Deutschland in den Osten, während unter den Studenten für die Komintern geworben wurde. Sowohl Chinesen z.B. Zhou Enlai (1898-1976), der später den Geheimdienst der KP Chinas gründete, als auch Uiguren wie Burhan Shahidi wurden durch einen Europaaufenthalt in den 1920er Jahren kommunistisch infiziert und fungierten dann als Handlanger von Moskau.

Burhan wurde 1894 als Nachkomme einer Flüchtlingsfamilie aus Xinjiang im Zarenreich geboren, und kehrte zurück, nachdem die Republik China ausgerufen worden war. 1914 beantragte er die chinesische Staatsbürgerschaft. 1929 wurde er vom zweiten Regenten der Republikzeit in Xinjiang nach Berlin geschickt, um von Deutschland zu lernen.

 

4. Die Unterwanderung aus Moskau

Das Wort „Uigure“ bedeutet „Koalition“ und „Einigkeit“. 1921 einigte man sich auf einer Konferenz in Taschkent (Westturkestan) auf diese alte Bezeichnung. Es ist die heutige Hauptstadt Usbekistans. Mir ist es nicht gelungen, herauszufinden, wer diese Konferenz organisierte. Durch die Bedeutung des Wortes, den Zeitpunkt der Konferenz und andere Begebenheiten lässt sich vermuten, dass sie auch auf die Initiative der Komintern zurückzuführen ist. Denn die KP Chinas, die ein holländischer und ein russischer Kommunist unter Lenins Direktive initiierten, gab 1921 als ihr Gründungsjahr an. Im Oktober 1924 wurde die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik gegründet. Das Gleiche passierte im Rest von Westturkestan.

Zuerst ließen sich auch die chinesichen Republikaner mit Moskau ein, weil Lenin vorgab, er würde die Kanonenbootpolitik beenden. Aber mit der Zeit erkannten immer mehr Chinesen den Schwindel der Sowjetunion bzw. der Komintern. Auch Chiang Kaishek (1887-1975) tat es und schrieb nach einem offiziellen Besuch an Sun, dass die Sowjetunion das Werk von Tyrannei und Terror sowie grundlegend unvereinbar mit den Drei Prinzipien des Volkes sei. 1927 kam es unter Chiangs Führung  zu einem blutigen Bruch und der chinesische Abwehrdienst gegen die Kommunisten wurde gegründet.

Durch die Ausrufung der ersten Ostturkistan Republik verlor der zweite prowestliche Regent seine Macht an den Kriegsherrn Sheng Shicai (1897-1970), der mit Unterstützung von Stalin seine Macht über Xinjiang zehn Jahre lang (1933-1943) aufrechterhalten konnte.  Unter seiner Regentschaft fiel Burhan dem roten Machtkampf zum Opfer und wurde nach der Rückkehr aus Moskau in Xinjiang verhaftet. Im Gefängnis übersetzte er die „Drei Prinzipien des Volkes“ ins Uigurische. Burhan gehörte zu den Uiguren, die Maos Werk und die rote Propagandaliteratur ins Arabische, Türkische und Persische übersetzten und verbreiteten.

1942 wandte sich Sheng schließlich der Republik China zu, weil die Erschießung seines Bruders durch dessen eigene Frau vor ihren drei kleinen Kindern von Moskau gelenkt worden war. Diese Schwägerin trat insgeheim in den Jugendverband der KP der Sowjetunion ein und wurde zum Schießen ausgebildet, als Schengs Bruder in Moskau die Militärakademie besuchte. Wenn Hitler Moskau nicht angegriffen hätte, wäre die Rote Armee sicher auch in Xinjiang einmarschiert und hätte seine ganze Familie umgebracht, meinte ein weiterer Bruder von Sheng in seinen Erinnerungen. Auf Druck der USA, die Moskau gegen Hitler unterstützte, zog Stalin seine Kräfte im April 1943 aus Xinjiang ab.

Nachdem der uigurische Republikaner Mesut Sabri (1886-1952) von den Kommunisten aus seinem Amt verdrängt worden war, trat Burhan an seine Stelle und trug als Gouverneur in Xinjiang maßgeblich dazu bei, dass die Republik China die Macht über Xinjiang an die Kommunisten verlor. 1956 besuchte er als Moslem die arabischen Staaten wie z.B. Ägypten und brachte die muslimisch geprägten Staaten dazu, das kommunistische China anzuerkennen und die Republik China fallen zu lassen, obwohl diese durch Wahlen legitimiert war. Die Republik China kann zwar nur noch auf der Insel Taiwan existieren, aber sie ist Gründungsmitglied der UNO und hat zur Menschenrechtscharta einen großen Beitrag geleistet.

Gleichzeitig fungierte Burhan als Drahtzieher der kommunistischen Umsturzversuche im Irak. Diese Putschversuche scheiterten ebenso wie bis zum Jahr 1971 alle Versuche des roten Lagers, mit ihren nahöstlichen Verbündeten die Republik China aus der UNO auszuschließen. Dabei begannen Vertreter aller Ethnien nach der roten Machtergreifung 1949, aus ihrer Heimat zu fliehen. Enver Can (1948-), der seit 1974 in München lebt und die Menschenrechtsaktion vor dem KP-Konsulat durchführt, floh als Kind mit seiner Familie nach Afghanistan. Burhan konnte jedoch nicht fliehen und landete 1966 nach öffentlicher Demütigung als „Konterrevolutionär“ im roten Gefängnis. Erst 1975 wurde er entlassen. Das Tiananmen-Massaker im Juni 1989 musste er in Peking mitbekommen haben. Zwei Monate danach starb der altgediente Kommunist. Nach der Eskalation in Xinjiang 2009 wurde ein Propagandafernsehfilm über ihn unter der Überschrift „Mein chinesisches Herz – Die Seele von Tienschan – Burhan Shahidi “ ausgestrahlt, um ihn als großen Patrioten zu verklären und den roten Nationalismus zu beschwören.

 

5. Die Kommunisierung in Ostturkistan

Als ich in Rotchina lebte, erfuhr ich durch die KP-Propaganda von einem Kommunisten uigurischer Abstammung Seyfudin Ezizi (1915-2003). Später in Deutschland wurde mir klar, dass sich in seinem Lebenslauf die Rolle der Komintern in Xinjiang widerspiegelt. Mit 17 Jahren schloss sich Seyfudin der von der Komintern bewaffneten Ostturkestan-Bewegung an. Nach einer zweijährigen Ausbildung (1935-1937) in der Sowjetunion begann der 22-Jährige Kommunist, in seiner Heimat für eine Zeitung schreibend, gegen die Republik China zu kämpfen.

1944 rief eine Rote Armee aus verschiedenen Ethnien eine zweite Republik Ostturkistan aus. 20 bis 70 000 Bewohner, die der Ethnie Han angehörten, wurden umgebracht. Unter diesem Druck musste Sheng, wie sein Vorgänger, Xinjiang verlassen. Ein Repräsentant der Republik China, der seit den 1920er Jahren insgeheim für Moskau agierte, konnte die Republik Ostturkistan pro forma auflösen, um eine Koalitionsregierung zu bilden, deren Erziehungsminister Seyfudin wurde. Die Rote Armee stand danach neben der chinesische Armee oder sogar gegen sie, bis 1949 die KP Chinas sie alle mit falschem Versprechen unter die rote Diktatur brachte. 1955 zum sechsten Gründungstag der VR China wurde die Provinz Xinjiang in das „Xinjiang autonome Gebiet der Uiguren“ umbenannt. Seyfudin wurde der erste Vorsitzende, während im kommunistischen Machtgebiet der Bevölkerung aller Ethnien immer mehr Menschenrechte geraubt wurden. Die Kommunisten steuern immer das Gegenteil dessen an, was sie zu tun behaupten. Beispielsweise bezeichnet die Kommunistische Partei Chinas ihren Staat selbst als „Volksrepublik“, obwohl sie das Volk in der Realität um Menschenwürde und Menschenrechte gebracht hat.

Nachdem Hitler (1889-1945) unfreiwillig der Sowjetunion dazu verhalf, vom Westen anerkannt zu werden, konnte Stalin (1878-1953) nach dem Zweiten Weltkrieg viele KP-Diktaturen installieren. Während der Westen die Republik China, die auf seiner Seite gekämpft hatte, fallen ließ, wurden die uigurischen Freiheitskämpfer von Moskau an Peking verraten. Die Führungskräfte wurden teilweise ermordet, teilweise ins Exil gezwungen, übrig geblieben sind die uigurischen Kommunisten. Daraus ist die Erkenntnis  zu gewinnen, dass die Komintern die Konflikte zwischen den sozialen Klassen und den verschiedenen Ethnien absichtlich schürte, um schließlich die Macht über sie alle zu gewinnen und alle zu versklaven.  Darum plädiere ich dafür, alle derartigen Konflikte  durch die Respektierung der universellen Grundwerte zu überwinden.

Burhan vertrat die Auffassung, dass Xinjiang allen Ethnien gehört, so, wie China nicht nur der Ethnie Han, sondern allen gehört. In der Tat wird sowohl Xinjiang als auch China nicht nur von vielen Ethnien bewohnt, sondern auch von Herrschern unterschiedlicher Ethnien regiert. Die größte Volksgruppe Han, zu der ich gehöre, definiert sich deshalb nicht durch die körperlichen Merkmale, sondern durch die kulturelle Identität, das bedeutet, gemeinsame Sprache und konfuzianische Grundwerte „Güte, Aufrichtigkeit, Anstand, Gelehrsamkeit und Verlässlichkeit.“ Beispielsweise gehörte das Kaisergeschlecht der Tang-Dynastie (618-907) zum Turkvolk, das sinisiert wurde, das heißt, sie hatten freiwillig die chinesische Amtssprache und die konfuzianischen Werte angenommen. Heutzutage in der freiheitlichen Welt kann jeder seine eigene Identität bestimmen. Es gibt Menschen uigurischer und chinesischer Abstammung, aber sie können weder Uigurisch noch Chinesisch, weil sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind.

In ihrem Herkunftsland aber wird bis heute, wie in der ehemaligen DDR, der Marxismus-Leninismus zwangsgelehrt. Angebetet werden  immer noch Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895), also Atheisten und Materialisten, was in der Geschichte der Uiguren und Chinesen nie vorgekommen war. Die Kommunisten haben die Staatssprache der Republik China formentstellt und sinnentleert, um die Chinesen zu entwurzeln. Auch die Uiguren müssen Rotchinesisch lernen, um Karriere im System machen zu können. Viele Menschen der Han-Ethnie werden vom KP-Regime nach Xinjiang geschickt oder verbannt. Der Anteil der Uiguren in Xinjiang wird prozentual kleiner, dennoch werden Xinjiang und die Uiguren nicht sinisiert, sondern rot infiziert. Das Rotchinesisch und die Rotchinesen werden vom KP-Regime nur als Werkzeuge missbraucht. Menschen anderer Ethnien, insbesondere der Ethnie Han, werden genauso unterdrückt und entfremdet wie die Uiguren, während das Verbrechersystem auch von Uiguren wie Burhan aufgebaut und mitgetragen wird.

 

6. „Terroristen“ , die ich in Deutschland kennenlernte

Das Wort „Uigure“ existiert in meinem Wörterbuch aus dem Jahr 2000, das 250 000 deutsche Wörter enthält, noch nicht. In meinem Herkunftsland lernte ich das Wort auf Rotchinesisch als Bezeichnung für eine der von den Kommunisten willkürlich bestimmten 56 Ethnien kennen, die auf der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Gestalt von verkleideten Kindern propagandistisch gezeigt wurden. Die Uiguren waren bis in die 1990er Jahre in der KP-Propaganda positiv besetzt. Aber spätestens nach der Eskalation 2009 gerieten sie zur Zielscheibe von Angriffen des KP-Regimes. Inzwischen taucht das Wort auch in den deutschen Medien häufig auf. Leider werden dort die Uiguren immer noch mit negativen Wörtern in Verbindung gebracht, wie bei den Medien unter kommunistischer Führung.

Dabei zog München wie ein Freiheitsmagnet viele Uiguren an, nicht nur weil Radio Free Europe ein uigurisches Programm hatte, sondern auch weil sich seine Mitarbeiter wie Enver Can um ihr Heimatland kümmern. 2004 ist aus zwei uigurischen Organisationen der Weltkongress der Uiguren erwachsen und sein Hauptsitz ist München. Erkin Alptekin (1939–), der auch als Kind aus Xinjiang floh und ebenfalls für Radio Free Europe arbeitete, wurde der erste Vorsitzende. Seine Nachfolgerin Rebiya Kadeer (1948– ) gehört zur ersten Generation, die unter der KP-Diktatur aufwuchs.

Am Beispiel von Kadeer ist zu erkennen, dass man als Uigurin auch reich und mächtig werden darf, ohne Rotchinesisch sprechen zu können, solange man sich nicht um die Menschenrechte und die Umwelt kümmert.  Sobald man seinem Gewissen folgt, wird man vom KP-Regime verleumdet und verfolgt. Da sich Kadeer als reichste und bekannteste Uigurin nicht von der KP Chinas vereinnahmen ließ, wurde sie 1999 verhaftet und wegen „Geheimnisverrats“ zu acht Jahren Haft verurteilt. 2005 wurde sie auf internationalen Druck ins US-Exil verbannt, wie die meisten Exilanten aus Rotchina. 2009 sah ich die Filmpremiere „Rebiya Kadeer – Kinder als Geiseln“ in Köln und war drauf und dran, die deutsche Biographie über sie „Die Himmelsstürmerin“ ins Chinesische zu übersetzen.

Nach dem Terroranschlag vom 11. September wurden auch unschuldige Uiguren in Guantanamo inhaftiert. Die Häftlinge konnten erst freikommen, als ihnen einige Staaten trotz des Protestes aus Peking Asyl gewährten. Einer der Uiguren äußerte sogar, Guantanamo sei ihm lieber als seine Heimat unter der KP-Diktatur. Deutschland gehört leider nicht zu den Ländern, die diese Exil-Uiguren aufgenommen haben. Stattdessen wurde Volkswagen von seinem Geschäftspartner unter der KP-Führung dazu veranlasst, ein weiteres Werk in Xinjiang zu bauen.

In der Republik China, die das KP-Regime mit Hilfe der westlichen Länder endlich aus der UNO ausschließen konnte, durften im April 2014 Enver Can und drei weitere Vertreter des Weltkongresses der Uiguren, den das KP-Regime als Terrororganisation verleumdet, an der neunten interkulturellen und interreligiösen Konferenz teilnehmen.

Die Verbindung zwischen den Uiguren und Deutschland ist vielfältig. Ich habe nur ansatzweise aus historischer, ideologischer, wissenschaftlicher, wirtschaftlicher, medialer und sprachlicher Perspektive diese Verbindung aufgezeigt.

Die wichtigste und die fatalste Verbindung stellt der von Marx und Engels proklamierte Kommunismus her. Denn die Uiguren leiden unter einer KP-Dikatur, welche diese beiden Kommunisten vergöttert, während Marx in religiösen Kreisen als satanistisch gilt.

 

Karlsruhe, 22. Mai 2014