Archiv | April, 2014

Xu Pei: Kein Übersetzungsproblem, aber ein Problem

6 Apr

Das traditionelle Chinesisch besteht aus über 80 000 Schriftzeichen. Daraus haben die Kommunisten nach ihrer Machtergreifung in China 2235 Schriftzeichen als Grundwortschatz für ihren Orwellschen Neusprech übernommen. Die bildhaften und sinnvollen Schriftzeichen werden entleert bzw. entstellt. Beispielsweise wird das traditionelle Schriftzeichen für Drachen 龍 durch 龙 ersetzt. Das traditionelle Schriftzeichen enthält einen Mond 月, während das entstellte Zeichen ein Messer匕 zeigt. Auf diese Art und Weise haben die kommunistischen Machthaber die chinesische Kultur und Sprache von Grund auf zerstört. Der Neusprech wird in Rotchina offiziell gelernt und gelehrt. Gott sei Dank haben die Chinesen außerhalb Rotchinas, insbesondere in der Republik China auf der Insel Taiwan ihre Sprache und Kultur überliefert.

Das heißt, die Kommunisten haben nicht nur die Republik China im Festland unterwandert und den Bewohnern eine Einparteien-Diktatur aufgezwungen, sondern auch ein Lügensystem in die chinesische Sprache eingeführt. Es ist schwierig, für einen erwachsenen Chinesen das traditionelle Chinesisch zu lernen, aber noch schwieriger ist es, sich von dem kommunistischen Gedankenkäfig zu befreien.

Festlandschinesen, die sich von dem Neusprech und der KP-Ideologie befreit haben, landen entweder im Gefängnis oder im Exil, nur diejenigen, die im Gedankenkäfig der KP geblieben sind, können in Rotchina aufsteigen, wie die Mongolin Fu Ying (1953-). Als Vertreterin der KP Chinas darf Fu Ying in den deutschen Leitmedien zu Wort kommen, auch wenn sie sich des Neusprechs bedient. Ihr Interview „Der Westen ist hochnäsig“ ist zuerst im deutschen Internet erschienen. Drei Tage später hat die Botschaft der KP Chinas in Berlin eine manipulierte Übersetzung davon veröffentlicht.

Deutsche Rezeption der verfolgten Chinesen

2001 ist die chinesische Version des Buchs „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten“ in Rotchina erschienen, aber kurz darauf wurde der Verlag bestraft und die Bücher wurden vernichtet. 2002 ist das Werk in der Republik China erschienen.

Erst 7 Jahre später erschien die deutsche Übersetzung auf der Frankfurter Buchmesse 2009, auf der Rotchina als Ehrengast auftreten durfte. Aber der Autor Liao Yiwu durfte nicht nach Deutschland kommen. Das genannte Werk ist dadurch viel bekannter geworden als die unter Zensur und Selbstzensur entstandenen Werke, für deren Übersetzung das Regime mindestens 500 000 Euro zur Verfügung stellte. Dadurch haben die verfolgten Autoren wenig Chancen, ins Deutsche übersetzt zu werden. Liao Yiwu, der nach eigener Aussage sich durch Schreiben „entgiftet“, hat also Glück. Der Künstler Ai Weiwei und der Friedensnobelpreisträger 2010 Liu Xiaobo fallen auch aus.

Ai (1957-), Liao (1958-) und Liu (1955-) gehören zur gleichen Generation wie Fu Ying.
Während Ai ein Studium unter der KP-Führung ablehnte und 1981 in die USA auswanderte, hatte Liao zwar die Prüfung zum Studium nicht bestehen können, aber konnte bis zu seinem Gedicht „Das Massaker“ (1989) in Rotchina veröffentlichen. Liu hat sogar freiwillig bei einem in der Sowjetunion ausgebildeten Kommunisten in der „Marxistischen Ästhetik“ promoviert.

Ai gehört zu den Chinesen, die in den siebziger Jahren schon begannen, sich mit Kunst und Literatur gegen das totalitäre System zu wehren. Liao gehört zu den Chinesen, die erst durch das Tiananmen-Massaker aufgerüttelt wurden. Liao wurde deswegen 4 Jahre lang gefoltert, während Liu nach dem Massaker als Augenzeuge im KP-Fernsehen auftrat und das Massaker verleugnete, um einer harten Strafe zu entkommen.

Ai wurde im April 2011 am Flughafen verhaftet, während es Liao gelungen war, nach Deutschland zu fliehen. „Der verbotene Blog“ von Ai wurde in Windeseile von Englisch ins Deutsche übersetzt und erschien im Juli, als Liao in Berlin auftauchte. Auf der ersten Seite steht „Für das Gras-Schlamm-Pferd“. Ai bezeichnet sich selbst als „ein normales Gras-Schlamm-Pferd“.

Was das Gras-Schlamm-Pferd bedeutet, erfährt ein uninformierter Leser erst auf Seite 440 durch eine fehlerhafte Erklärung. Dennoch kann man verstehen, dass dieses erfundene Tier die Haltung von mutigen Chinesen gegenüber den kommunistischen Machthabern symbolisiert. Die Gras-Schlamm-Pferde leben in einer durch Marxismus-Leninismus erzeugten Wüste und müssen für die Freiheit kämpfen.

Das Phantasietier ist auf ein sexistisches Schimpfwort (F… Deine Mutter ) zurückzuführen. Der oberflächliche Grund liegt darin, dass es unter der westlichen Lautschrift Cao Ni Ma verschiedene chinesische Schriftzeichen gibt. Eine Variante heißt auf Deutsch „Gras-Schlamm-Pferd“.
Der tiefere Grund liegt darin, dass sich die Chinesen von der KP-Diktatur vergewaltigt fühlen. Um sich einen Ausgleich zu verschaffen, werden gerne solche Schimpfwörter kreativ verwendet. Das kann aber die amerikanische Herausgeberin nicht begreifen, die nicht einmal weiß, dass Dongbei kein Name einer Provinz ist, sondern Nordosten bedeutet. Ihr fehlt es leider nicht nur die Kenntnisse in der Landeskunde. Dennoch ist es eine Leistung, das facettenreiche Werk eines Künstlers zu übersetzen.

Ai ist auch ein Sprachkünstler, der dazu beigetragen hat, dass das Phantasietier seit 2009 als Symbol gegen die KP Chinas geworden ist. Er gehört zu den Benutzern einer Sprache, die kreativ den Neusprech und die Zensur durchbricht, auch mit den Schimpfwörtern.

Zum sechzigsten Gründungstag der Volksrepublik China hat Ai aus München ein Video-Grußwort „Gras-Schlamm-Pferd Vaterland“ ins Internet gestellt.

Am 19. Februar 2010 hat Ai getwittert, „Gras-Schlamm-Pferd Charta 08“, nachdem eine Hongkonger Zeitung in einem Bericht über seine Kunstaktion aus 18 nackten Männern und 12 bronzenen Köpfen der chinesischen Tierkreiszeichen bei einer Neujahrsfeier Charta 08 erwähnte.

Im Vergleich zu Ai haben sich die beiden Verfasser der Charta 08 noch nicht von dem Gedankenkäfig der KP befreit. Ihr Chinesisch klingt noch nach dem Neusprech. Das Verbrechen der KP Chinas wird in der Charta 08 vertuscht, indem z. B. behauptet wird, „Die Bürger und der Staat haben einen sehr verheerenden Preis bezahlt“. Während Ai das totalitäre Regime direkt anprangert, bezeichnet die Charta 08 das totalitäre System als autoritär.

Nachdem der Nebenverfasser der Charta 08 Liu Xiaobo durch eine Verhaftung der KP Chinas zum Friedensnobelpreisträger erkoren wurde, liess sich Liu auch in Deutschland vermarkten. Die deutsche Übersetzung „Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass“ liegt seit September vor. Die gleichnamige Rede, in der Liu eine Liebeserklärung an seine Peiniger und zweite Frau abgab, hat nicht die Peiniger, sondern das Nobelkomitee berührt. Aber für das Gras-Schlamm-Pferd ist Liu so verlogen wie Fu Ying, zumal Liu im Sinne der KP Chinas viele Regime-Gegner angefeindet hat.

Liu übernahm auch die KP-Ideologie und den Neusprech, um Konfuzius als „Gestern herrenloser Hund, heute Wachhund“ zu beschimpfen, obwohl Konfuzius die Grundwerte „Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Anstand, Weisheit und Ehrlichkeit“ vorlebte und als Lehrer aller Lehrer im chinesischen Kulturkreis verehrt wird. Denn Liu bewundert Friedrich Nietzsche und Lu Xun (1881-1936), der mit Agenten der Komintern wie Agnes Smedley für die Sowjetunion propagiert hatte.

Die kommunistischen Machthaber in Peking aber wissen mittlerweile den Namen von Konfuzius zu missbrauchen und haben seit 2004 weltweit 691 Konfuzius-Institute oder -Klassen (Stand 10.2010) eröffnet, die direkt dem Politbüro der KP Chinas unterliegen, um ihren Neusprech weltweit zu verbreiten, während die Gras-Schlamm-Pferde wie Ai mundtot gemacht werden.

Mit anderen Worten ist Liu nicht geradlinig wie seine deutsche Übersetzung klingt. In dem zweiten übersetzten Werk „Für ein Lied und hundert Lieder“ von Liao Yiwu wird ein Brief von Liu als Vorwort abgedruckt, in dem der desolate Zustand von Liu deutlich zu erkennen ist. Liu leidet nicht nur unter dem Tiananmen-Massaker und der Verfolgung danach, sondern auch unter seinem eigenen schlechten Gewissen. Er betrachtet sich als „Elite“ und aus Angst vor seinen Peinigern wagt er nur, Chinesen zu beschimpfen. Liao, den Liu in diesem Brief direkt als „Glatzkopf“ angeredet hat, ist durch die KP-Verfolgung schon so pervertiert, dass er mit diesem Brief seine Freundschaft mit dem Friedensnobelpreisträger demonstriert. Und er gab offen zu, die Charta 08 unterschrieben zu haben, ohne sie gelesen zu haben.

Wie dem auch sei, es ist begrüßenswert, dass endlich drei verfolgte Chinesen in Deutschland so präsent sind, dass über die kein „Chinaexperte“ hinwegsehen kann. Bis jetzt konnten sie Gao Zhisheng, dessen Werk „Mein Leben und Kampf als Anwalt im größten kommunistischen Staat“ bereits 2008 in deutscher Übersetzung erschien, ignorieren.

Mögen die deutschen Leser auch heldenhafte Dichter wie Li Hong (1958-2010) kennenlernen, die wegen ihrer Wahrhaftigkeit und Unbeugsamkeit zu Tode verfolgt worden sind!

Köln, den 62sten Nationaltrauertag der Chinesen (01.10.2011)

 

XU Pei: Zum Triumph von Putins Genossen aus Peking

3 Apr

– Zur Zwangsabwesenheit von Ai Weiwei bei seiner Ausstellungseröffnung in Berlin

Als ich vor 25 Jahren zum Studium nach Düsseldorf kam,  konnte ich dank der veröffentlichten und öffentlichen Meinung in Deutschland zum Tiananmen-Massaker erkennen, dass mein Geburtsland Tibet und Herkunftsland China von der Kommunistischen Partei Chinas mit Propaganda und Gewalt regiert wird.

Der chinesische Protest gegen die KP-Diktatur und das Tiananmen-Massaker wurden von der westdeutschen Öffentlichkeit unterstützt.

Mein erster Redebeitrag auf einer Solidaritätskundgebung an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf fand Echo und ich wurde von den Zeitungen wie z.B. der Rheinischen Post interviewt. Durch meinen Einsatz für die Menschenrechte lernte ich Deutsche kennen, die mir dabei halfen, den Unterschied zwischen der freiheitlichen Demokratie und der Einparteien-Diktatur wahrzunehmen.

Nach meiner Promotion konnte ich nicht als Germanistin heimkehren. Als Exilchinesin fühle ich mich dazu berufen, mit Worten die universellen Grundwerte, die chinesische Kultur und die Natur gegenüber dem totalitären KP-Regime zu verteidigen.  In diesem Sinne ist meine letzte Buchveröffentlichung „Der weite Weg des Mädchens Hong“ entstanden.

Ich darf zwar mein Herkunftsland nicht betreten, aber um so mehr weiß ich die Freiheit im Westen zu schätzen. Aus diesem Grund möchte ich auch alles tun, um die freiheitlichen Grundwerte zu verteidigen.

Am 29. März 2014 bin ich der Einladung eines deutschen Falun Gong Anhängers gefolgt, um den neuen kommunistischen Führer Xi Jinping (1953-) aus Peking dazu aufzufordern, mit der Verfolgung und Ermordung von Andersdenkenden aufzuhören…

Xi soll in dem Rechtsstaat Deutschland sehen, dass die von den Kommunisten verfolgten Freiheitskämpfer in der VR China von der deutschen Zivilgesellschaft unterstützt werden. Leider haben die deutschen Politiker und Behörden nicht zugelassen, dass Xi  die Gewährung von Rede- und Versammlungsfreiheit mit eigenen Augen bezeugen konnte. Während die Demonstranten abgeschirmt wurden, durften die noch von der KP Chinas gelenkten Studenten und Festlandschinesen mit Einheitsfähnchen schwenken. Die Festlandschinesen meiner Kindergeneration haben kaum Chancen, sich von der systematischen KP-Indoktrination seit Kindesbeinen zu befreien. Selbst in Deutschland bekamen sie nur zu sehen, dass der deutsche Staatsapparat die Kommunisten aus Peking dabei unterstützt,  ihre Macht vor uns zu demonstrieren.

Xi mag mit seinen Auslandsveröffentlichungen  vermeintliche „intime Kenner Chinas“ weiter betäuben, aber ich kann ihm kein Vertrauen schenken. Denn im Jahr 2009 nahm ich schon seine nationalistische Rede vor Rotchinesen in Mexiko wahr, die ich auch ins  Deutsche übersetzte: “Es gibt Ausländer, die satt gegessen sind, aber nichts zu tun  haben; sie zeigen ihre Finger auf unsere Angelegenheiten. China  exportiert erstens keine Revolution, zweitens keinen Hunger und Armut, drittens macht es Euch keine Probleme, was gibt es noch zu sagen.” Seine zweite Ehefrau Peng Liyuan (1962-) gehört seit 1980 zu der Propagandatruppe in der roten Armee, und ist auch ein Mitglied der KP Chinas. So sang sie im Auftrag ihrer Partei überall, sogar auf dem Tiananmen-Platz, um die Soldaten zu betäuben, die das Massaker 1989  angerichtet hatten.

Wie schade! Putins Genossen aus Peking durften über den Rechtsstaat triumphieren. Wegen der Sperre des öffentlichen Verkehrs  konnten wir sogar nach unserer Protestveranstaltung auf dem Rathausplatz nicht mit der Straßenbahn fahren und mussten stundenlang warten.

Um dem Hitlergrußverweigerer Gustav Wegert nachzueifern, lieh ich den Stinkefinger von dem Künstler Ai Weiwei nach Düsseldorf und zeigte ihn den Staatsterroristen aus Peking, als die von 15 „weißen Mäusen“ eskortierte Wagenkolonne endlich donnernd vorbeiraste.

Dank des WZ-Berichtes „Xi Jinping auf Blitzbesuch an der Kö“ erfuhr ich, dass Xi den Namen des Dichters Heinrich Heine missbrauchte, um sich gut darzustellen. Dabei ist Heinrich Heine mein geistiger Wegbegleiter. Gott sei Dank bin ich  kein „Enfant Perdu“, auch wenn ich den  Freiheitskrieg weiter führe, wie Heine im Exil.

 

Köln, 31. März 2014