Xu Pei über den Künstler Ai Weiwei

13 Dez

Ai Weiwei ist nicht der erste und der letzte Mensch, der plötzlich spurlos in Rotchina verschwindet.  Am 20. April 2010 hatte das Regime den Rechtsanwalt Gao Zhisheng verschwinden lassen. Bis heute fehlt jede Spur von dem Panchen Lama, dem zweithöchsten tibetischen Würdenträger, der bereits im Mai 1995 als Sechsjähriger von Sicherheitskräften entführt wurde und seitdem verschwunden ist. Am 25. April 2012 ist er 23 Jahre alt geworden – falls er noch lebt. Als Ai Weiwei 2006 zu bloggen begann, wurde Gao Zhisheng zum ersten Mal verschleppt. Dank Internet konnte ich zusehen, dass sich Ai Weiwei genau wie Gao Zhisheng für andere Menschen einsetzte, dabei die Staatsterroristen anprangerte und deswegen verschleppt wurde. Bevor ich 2008 den Namen Ai Weiwei mit seiner Kritik an den Olympischen Spielen in einem deutschen Bericht las, dachte ich, daß sein Vorname „die Zukunft“ ist. Denn sein Vorname Weiwei hat auf Chinesisch ein ähnliches Aussehen wie das chinesische Wort für die Zukunft und sein Vater Ai Qing (1910-1996)  war ein von der Propaganda der Komintern  betrogener Künstler.

Ein Kind aus Liebe

Es gibt vermutlich niemanden in Rotchina, der Ai Qing nicht kennt, wenn er liest. Denn das Regime vereinnahmt seine patriotische Lyrik, um die Chinesen  zu indoktrinieren, damit sie das Land China mit der Kommunistischen Partei verwechseln und aus Nationalgefühl die KP-Diktatur verteidigen. Ai Qing ist ein Pseudonym, was die gleiche Lautschrift hat wie Liebesgefühl auf Chinesisch. Von den Kommunisten wurde erwartet, sich von ihrer familiären Verbindung einschließlich ihres Namens zu trennen, um sich schon äußerlich ganz dem Kampf gegen die herrschende Weltordnung zu widmen. Ein berühmtes Gedicht von Ai Qing heißt „Ich liebe dieses Land“ und endet mit den Zeilen: Warum sind meine Augen oft von Tränen gefüllt? Weil ich das Land zutiefst liebe… Die Vaterlandsliebe von Ai Qing und vielen Chinesen seiner Generation haben die Komintern und Mao Zedong vereinnahmt und missbraucht, um die Republik China zu infiltrieren und zu erobern. Wie Edgar Snow und andere westliche Intellektuelle hatte Ai Qing auch dazu beigetragen, den machtbesessenen Mao Zedong in den rettenden Stern des chinesischen Volkes umzudichten. In der Volksrepublik China, über dem der rote Stern strahlt,  wurden die Menschenrechte und Freiheit von den  Machthabern systematisch beraubt, die man in der Republik China genossen hatte. Als KP-Mitglied und Kulturfunktionär durfte sich der zweimal geschiedene Ai Qing 1955 nur heimlich  mit Gao Ying (1933*) treffen, denn sie war noch mit einem anderen Funktionär verheiratet und hatte bereits zwei Kinder. Als Gao mit Ai Weiwei schwanger wurde, wollte sie ihn abtreiben lassen. Es war Ai Qing, der das Leben von Ai Weiwei rettete. In der Autobiographie von Gao Ying (2003) hat Ai Qing damals ihr gesagt, „Das ist mein bestes Geschenk für Dich, Du darfst es nicht einfach aufgeben… Das Kind ist meins, Ich habe das Recht, es zu schützen“. Als Gao Ying darauf antwortete, „Das Kind ist wirklich ein ungebetener Gast“, sagte Ai Qing, „Das Kind ist ein Werk von uns beiden, vielleicht ein hervorragendes Werk“! Kaum wurde Ai Weiwei geboren, begann 1957 die so genante Anti-Rechts-Kampagne der KP Chinas. Ai Qing wurde wie Millionen Chinesen verfolgt.  Gao Ying stand zu seinem zweiten Ehemann und die ganze Familie wurde aus Peking verbannt.

Vater und Sohn

Nach dem Tod von Mao Zedong 1976 hat die KP Chinas dem Druck des Volks nachgegeben und einen Reformkurs eingeschlagen. Dabei waren die liberalen Kräfte innerhalb der KP zur Macht gekommen, zu der Ai Qing zählte. 1979  wurde  Ai Qing offiziell rehabilitiert und erreichte als Vize-Vorsitzender des roten Schriftsteller-Verbandes den Rang eines Vize-Ministers der VR China. Ai Weiwei gehört zu den Chinesen, die seit 1979 mit Ausstellung und Veröffentlichung nach Freiheit streben und der KP-Diktatur Widerstand leisten.  Nach der Verhaftung von den schärfsten Kritikern unter ihnen wie z. B. Wei Jingsheng hatte Ai Weiwei sich 1981 nach New York abgesetzt, um sich die Freiheit zu verschaffen. Als 1989 die Chinesen meiner Generation (1966) auf dem Platz des Himmlischen Friedens Freiheit und Demokratie forderten, erschien dort auch der betagte Ai Qing, um sich mit den Demonstranten zu solidarisieren. Ai Weiwei hat den Tiananmen-Protest aus den USA unterstützt. In der Freiheit  hat er die alte Wunden geheilt und sich zu einer Persönlichkeit entwickelt, die Menschen  verschiedener Kulturen und Schichten kennt, malt und fotografiert. 1993 kehrte Ai Weiwei wegen seines kranken Vaters nach China zurück.  Er stellt einen  Kontrast zu den so genannten Prinzlingern wie Bo Xilai dar , die wie er einen ranghohen Vater im herrschenden Kaderkasten haben. Ai Weiwei bezeichnet all die Institutionen, in denen Intellektuelle unter der Führung der KP Chinas stehen, als „Leichenhallen“ und lehnt jede Kooperation mit der kommunistischen Führung ab, um aus der Erfahrung seines Vaters zu lernen. Er meinte,  die Gemeinsamkeit zwischen ihm und seinem Vater ist, dass sie beide die Ungerechtigkeit nicht ertragen können. Das hervorragende Werk seit seiner Rückkehr lebt Ai Weiwei den Menschen in China den aufrechten Gang vor. Dafür schreckt er vor Provokationen nicht zurück. Am 4. Juni 1994, zum fünften Jahrestag des Tiananmen-Massakers, hat er ein Foto von der Künstlerin und seiner späteren Frau Lu Qing gemacht, auf dem diese eine vulgäre Pose als Verachtung für  Maos Porträt am Tor des Himmlischen Friedens zeigte.  Die beiden führen anscheinend eine offene Ehe, denn er hat ihr seinen einzigen Sohn mit einer anderen Frau nicht verheimlicht. Die Medien der KP Chinas warfen ihm nach seiner Verschleppung deshalb die Verbreitung von Pornographie und Bigamie vor. Ai Weiwei ist durch seine künstlerische Arbeit auch im Westen berühmt geworden und nutzt seinen Status, um den bedürftigen Menschen zu helfen. Er setzt sich für die Gerechtigkeit ein und gibt sein Vermögen dafür aus. Dabei scheut er auch keine Kritik an den verantwortlichen Machthabern.  Er wird von den nationalistischen Rotchinesen als „Verräter des Vaterlandes“ und „Fünfsernelakai des Westens“ bezeichnet, während die nationalistischen Rotchinesen gerne im Ausland, auch in Deutschland leben. Ai Weiwei ist auch ein Sprachkünstler, der von den vulgären Wörtern Gebrauch macht,  um dem kommunistischen Neusprech entgegenzuwirken. Er benutzt allerdings nicht die selben Wörter, sondern erfindet oder übernimmt andere Wortkombination, wie z. B. „Glas-Schlamm-Pferd“, was die selbe Aussprache hat, wie ein sexistisches Wort. Dank Ai Weiwei symbolisiert  Glas-Schlamm-Pferd die kompromisslose Haltung gegenüber den Machthabern, die Yang Jia (1980-2008) mit seiner Selbstjustiz gezeigt hat. Seine Dokumentarfilme über Yang Jia haben die verlogene Justiz unter der KP-Führung beleuchtet. Der Spitzname für  Liu Xiaobo,  Liu Wudi (Liu, der angeblich keine Feinde hat), kommt von Ai Weiwei. Ich habe ihn übernommen und benutze ihn gerne. Denn  viele chinesische Intellektuelle wissen, dass Liu Xiaobo eine Reihe von Wortführern des chinesischen Widerstands gegen die KP-Diktatur zu seinen Feinden erklärt hat. Als Liu wegen der „Charta 2008“, die als einseitige Liebeserklärung an die Machthaber zu verstehen ist, verhaftet wurde, hat Ai Weiwei mit ihm solidarisiert, wie viele Chinesen, indem er sie unterschrieb. Nachdem Liu zum Friedensnobelpreisträger nominiert wurde, hat Ai sich auch von ihm distanziert, indem er öffentlich der „Charta 2008“ den Stinkefinger zeigte. Ai Weiwei  sorgt für einen Dialog zwischen dem freiheitlichen Westen und dem heutigen China unter der KP-Diktatur. Er hat bist jetzt auch den chinesischen Widerstand innerhalb Chinas im Westen repräsentiert.  So offen und transparent wie er hat bis jetzt noch kein Chinese dem Westen gezeigt. Offenheit und Transparenz ist auch seine Waffe gegen das Regime, das alles zu verstecken und vertuschen versucht, einschliesslich der Zahl der Todesopfer beim Erdbeben 2008. Durch das Werk und Leben von Ai Weiwei kann man erfahren, dass die Volksrepublik China kein Rechtsstaat ist, auch wenn ihre Mietmäuler diese Tatsache abstreiten. Ai Weiwei hat sich quasi aufgeopfert, damit die demokratische Welt endlich begreift, dass die VR China ein Schurkenstaat ist, der jeden bedroht. Darauf habe ich schon seit 2002, nach meinem zweiten Heimkehrversuch hingewiesen. Letzte Aktualisierung im Mai 2012

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: